Innenministerium

Abschiebung: Was wirklich passiert – Teil 3

Eine Luftabschiebung in den Kosovo und nach Moldawien. 59 Menschen aus Österreich, Deutschland, Schweden. Ein Ärzteteam. Eine Dolmetscherin. Eine Menschenrechtsbeobachterin. 76 Polizisten. Und Reinhard Leprich von der Abteilung Kommunikation des Innenministeriums.

Wo bleiben die Emotionen an so einem Tag, frage ich.

Emotionen gäbe es immer, sagt Delia Sipos, nicht nur bei Abschiebungen, sondern auch in ihrer normalen Tätigkeit als Rechtsberaterin. »Besonders bei Kindern und Frauen muss man aber lernen, damit umzugehen, sonst kann man diesen Job nicht machen. Man muss versuchen, sachlich zu bleiben«, sagt sie. Es sei in den drei Jahren noch nicht der Fall gewesen, dass sie von einer Abschiebung zurückgekommen sei und gesagt habe, sie möchte das nicht mehr machen. »So etwas hat es für mich noch nicht gegeben. Natürlich gibt es immer wieder Situationen mit Stress, aber das ist bei meiner Arbeit als Rechtsberaterin genau so.« Positiv sei, dass sich insbesondere weibliche Escorts immer wieder liebevoll um Kleinkinder kümmern würden, sagt sie. Das beginne beim Wechseln von Windeln bis hin zum Trösten der Kinder. Eltern seien in diesen Situationen oft überfordert, besonders, »wenn der Zeitpunkt kommt, dass sie das Zimmer verlassen müssen.«

Montag, 11 Uhr 30 (Rückblende)

Nach einem Zwischenstopp in der Familienunterbringung Zinnergasse, wo wir den Vater und die zehnjährige Tochter aus dem Kosovo abholen, treffen wir um halb zwölf Uhr am Flughafen Wien-Schwechat ein.
»Terminal 240« ist kein herkömmlicher Terminal. Es ist ein Bereich, in dem Polizistinnen und Polizisten arbeiten, die nur mit grenzpolizeilichen Aufgaben betraut sind. Was bedeutet, dass »Terminal 240« jener Bereich ist, in dem sich nur Menschen aufhalten, die aus Österreich abgeschoben werden. Weiße Wände, Betondecke mit Belüftungsventilatoren, Neonröhren, grüne Fluchtschilder, Computer, eine Waage zum Abwägen des Gepäcks, eine Röntgenstraße zum Durchleuchten desselben. Danach geht es durch eine versperrte Tür in den eigentlichen Transitbereich. Grüne und blaue, fest verankerte Metallsesselreihen. Türen mit Schildern »Police Escorts Waiting Area«, »Smoking Area«, Toiletten, Besprechungsräume, ein Gepäckraum.
»Weil das Flugzeug Verspätung hat, ist eine neuerliche ärztliche Untersuchung der Rückzuführenden erforderlich, da sonst die 24-Stunden-Frist überschritten wird«, sagt Christoph, als wir den Transitbereich betreten.

Die Untersuchung findet in einem separaten Besprechungsraum statt.
Alexander, der Arzt, der die Abschiebung begleitet, fragt die Männer, die einer nach dem anderen den Raum betreten, ob sie sich gesund fühlen, ob es ihnen gut gehe, ob sie Beschwerden hätten. Alle drei verneinen, keinerlei Beschwerden. Auch der Vater und das Mädchen werden untersucht. Das Mädchen deutet der Polizistin, die sich angeschlossen hat, neben sich Platz zu nehmen. Der Vater sagt, er leide unter Kopfschmerzen. Nach einem Basis-Check und der obligatorischen Frage nach einer Allergie, sagt Alexander, dass er, falls er das möchte, eine Kopfschmerztablette erhalte, wenn es auf Essen und Trinken nicht besser werde.

Der Arzt. Alexander ist ein Spezialist, der weiß, was bei Notfällen zu tun ist. Mehrmals im Monat fährt er als Notarzt in Niederösterreich; neben seiner Arbeit im Innenministerium. Er arbeitete fünf Jahre als Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin im AKH Wien, 14 Jahre im Krankenhaus St. Pölten auf der Intensivstation und der Neurochirurgie. Er führte in den vielen Jahren als Anästhesist unzählige Vollnarkosen durch, machte viele intensivmedizinische Dienste. Er war bereits als Honorararzt bei der Polizei tätig, zuständig für das Polizeianhaltezentrum oder bei Autolenkern, die verdächtigt wurden, Alkohol oder Drogen konsumiert zu haben.
Irgendwann im März 2017 der Anruf:
Das Innenministerium suche einen Arzt, der Abschiebungen begleiten wolle, der medizinisch aktiv tätig sei, als Notarzt tätig sei, der einschreiten könne, falls es bei einer Abschiebung zu einem Notfall käme. Er, der 380 Notarzteinsätze allein im Jahr 2017 absolvierte, sagte zu. Warum? Er wollte sich verändern. Er halte es für sinnvoll, sich in diesem Bereich einzubringen. Am 1. April 2017 fing er im Innenministerium zu arbeiten an, zwei Tage später begleitete er die erste Flugabschiebung. Seither sei er im Dauereinsatz, sagt Alexander.

Als er die Stelle übernahm, habe er über Auftrag die medizinische Ausstattung neu überarbeitet, sagt er. Es ging dabei um die Standardisierung der medizinischen Behelfsmittel, die an Bord mitgenommen werden. In Niederösterreich sei das so gelöst, dass jedes Notarzt-Einsatzfahrzeug gleich ausgestattet sei. Überall, wo er Dienst als Notarzt mache, setze er sich in das Auto und wisse, wo was zu finden sei.
»Immer dasselbe Auto, derselbe Koffer, dieselbe Ausstattung, dieselben Medikamente.«
Auch an Bord gäbe es jetzt diese Standards – mit demselben Koffersystem. Änderungen passe er sofort an. Neben Sauerstoff und Defibrillator gäbe es auch erweiterte Behelfsmittel wie Verbandsmaterial und dergleichen, um Selbstverletzungen behandeln zu können.

»Ich habe eine dreitägige Ausbildung bei der AUA gemacht, die mir das Innenministerium ermöglicht hat«, sagt Alexander. »›Doc on Board‹ heißt das Programm, das Ärzte für den Einsatz in einem Flugzeug ausbildet.« Spezielle Bedingungen an Bord, Raumnot oder Druckverhältnisse würden völlig neue Verhältnisse schaffen, damit lerne man umzugehen. »Wo sind Sauerstoffanschlüsse? Wie kann man bestmöglich eine medizinische Betreuung an Bord vornehmen? Wie kommt man durch eine verschlossene Klotür? Wie benutzt man eine Notrutsche? All das haben wir gelernt«, sagt Alexander. Auch das Überwinden von Sprach- und Kulturbarrieren lerne man. »Selbst einen Absturz im Simulator haben wir geübt.«

Wie gehe es ihm dabei, wenn Menschen abgeschoben werden?

Er glaube, es gehe ihm wie jeden anderen Menschen. Es sei viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung notwendig, um die jeweilige Situation richtig einschätzen zu können, sagt er. Er dürfe sich keine Gedanken darüber machen, ob die Abschiebung in der Sache korrekt sei oder nicht, er halte sich an seine medizinischen Standards, wie im Spital. Die beste Versorgung liefern, für ihn selber, für den Staat, und insbesondere für den Betroffenen und alle anderen Beteiligten, das sei ihm wichtig. Eine emotionale Komponente könne er niemals ausschließen, das sei aber auch bei seinem Job als Notarzt so.

Wie ist das mit der Flugtauglichkeit?

»Ich lese mir die Krankengeschichte durch, das geschieht oft ein Monat vor dem Flug, kenne daher die Krankengeschichte des Abzuschiebenden«, sagt Alexander. Vor der Abschiebung müsse die Flugtauglichkeit von einem anderen Arzt bestätigt werden, unabhängig von ihm, das sei auch gut so. »Nach der Festnahme kommt der Abzuschiebende in das Polizeianhaltezentrum, wo er noch einmal untersucht wird, für den Fall, dass sich in der Zwischenzeit eine akute Krankheit ergeben hat.« Erst einmal habe er eine Abschiebung abbrechen müssen, da sich bei einem Kind über Nacht eine akute Mittelohrentzündung entwickelt hatte, sagt Alexander.

Er suche immer das Gespräch mit dem, der abgeschoben werde. Er sei dem Patienten auch immer ehrlich gegenüber, das sei extrem wichtig, um das Vertrauensverhältnis nicht zu zerstören. Er bewege sich nicht außerhalb seines Kompetenzbereiches, das betone er in den Gesprächen. »Weil auch Geschichten herangetragen werden, die nicht medizinisch sind, da weise ich darauf hin, dass ich nur als Arzt gesehen werden darf. Ich kann ja auf den Verlauf des Abschiebeverfahrens keinen Einfluss nehmen, ich kann den Menschen aber das Gefühl anbieten, dass sie in dieser Zeit medizinisch nach allen Möglichkeiten versorgt werden.«

Auch Polizisten seien bei Abschiebungen einem Verletzungspotential ausgesetzt, sagt Alexander. Oft passiere es, dass Abzuschiebende deutlich erklären, bei der Abschiebung alles Mögliche zu probieren, um nicht abgeschoben werden zu können. »Es ist für mich wichtig, auch für die Polizistinnen und Polizisten da zu sein, um Verletzungen sofort versorgen und dokumentieren zu können.«

Montag, 12 Uhr 30

Der Vater, das Mädchen und die Polizistin kommen aus dem Besprechungszimmer, die Arztvisite ist vorbei. Die Szene, die sich jetzt im Transitbereich abspielt, habe ich einleitend beschrieben. Sollte Polizistinnen oder Polizisten nachgesagt werden, sie seien gefühllos gegenüber jenen Menschen, die abgeschoben werden, dann erlebe ich es hier genau andersherum. Delia Sipos sagte: »Positiv sei, dass sich insbesondere weibliche Escorts immer wieder liebevoll um Kleinkinder kümmern.« Auch ich bin jetzt beeindruckt von dem Fingerspitzengefühl, von der Liebenswürdigkeit, mit der sich die Polizistin dem Mädchen widmet.

Mein Blick streift durch den Transitbereich. Die Wartezeit wird mit Gesprächen und Telefonaten ausgefüllt. Verpackte Knäckebrote, Muffins, Obst, Mineralwasser, Apfelsaft und Orangensaft werden geliefert. Polizisten laben sich am Buffet in der »Police Escorts Waiting Area« und tanken Kraft für die lange Nacht. Sie fragen nach und bringen den abreisenden Menschen Essen und Trinken vom Buffet. Die Menschen wissen, dass sie abgeschoben werden, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, in Österreich zu bleiben. Ich frage mich, ob sie sich damit abgefunden haben oder sich darauf freuen, ihre Heimat wieder zu sehen. Ihr Dorf, ihre Familien, ihre Freunde, ihre Bekannten.

Ich sehe einen vielleicht 40-jährigen Mann, der abseits von allen anderen auf einem Sessel sitzt, die Hände verschränkt, den Kopf herabgesunken. Die Augen übermüdet und leer. Ich gehe näher heran.
Sofort erinnere ich mich an Ali, den ich 2011 im Polizeianhaltezentrum an der Roßauer Lände kennengelernt habe, weil ich einer jener war, der die Aufsicht über ihn hatte. Der Mann im Transitraum sieht nur aus, als wäre es Ali. Lang waren die Nächte, in denen er mir seine Geschichte erzählte.

Ali liebte sein Land Syrien, doch seine Sehnsucht nach Freiheit, Unabhängigkeit, nach einer wertfreien, begreiflichen Rechtsordnung waren stärker, als in verwahrlosten Hinterzimmern in Damaskus ein unruhiges Leben führen zu müssen. Er flüchtete, musste flüchten. Zwei Tage nach seiner Ankunft in Wien wurde er in einem Restaurant festgenommen, das sich Al-Dar nannte, arabisch für »Das Haus«. Sein Ausweis war gefälscht, er hatte ein Pseudonym kaufen müssen, um sein Leben zu retten. Schnell fand er sich dort wieder, wovor er davongelaufen war: Hinter vergitterten Luken, zwischen muffigem, verrauchten Gefängnisidyll. Er stammte aus einer gebildeten Damaszener Familie. Sein Vater war ein hoher Beamter im Finanzministerium, seine Mutter eine bildhübsche Frau mit hochgestecktem Haar. Seine Frau war Armenierin, klein, schlank, mit wachen Augen. Alle drei starben bei einem Bombenanschlag. Niemand fand sie, weil drei Kilogramm Trinitrotoluol Menschenleiber in Millionen kleine Stücke zerhacken – das hatte ein Soldat am nächsten Tag im Fernsehen gesagt. Ali war 234 Tage in Österreich, dann wurde er abgeschoben.

Schwedische Polizistinnen und Polizisten kommen mit Frauen, Männern und Kinder in den Transitraum, sie werden nach Moldawien abgeschoben. Die Polizisten tragen ein gelbes Gilet mit weißer Schrift auf blauem Balken »Escort Sweden«. Eine Frau sitzt in einem Rollstuhl. Valbona Reinmüller wird, wie schon öfter an diesem Tag, um Unterstützung gebeten. Sie begleitet als Dolmetscherin die heutige Rückführung.

Die Dolmetscherin. Valbona Reinmüller wuchs in Mitrovicë im Kosovo auf, zweisprachig mit Albanisch und (damals) Serbokroatisch, »weil so gut wie alle in der Stadt mindestens zwei Sprachen sprachen«, mit Freunden, die Albaner waren, Bosniaken, Serben, Montenegriner oder Türken. »Ältere Generationen verwendeten sogar noch die alt-türkische Sprache im Alltag, ein osmanisches Erbe«, erzählt sie.
Seit 1996 arbeitet die »Akademische Balkanologin«, diese Bezeichnung erwarb sie sich mit dem Studium «Interdisziplinäre Balkanstudien« an der Universität Wien, in Österreich als selbständige Dolmetscherin und Übersetzerin für die Sprachen »Albanisch«, »Bosnisch«, »Kroatisch« und »Serbisch«. Sie verstehe aber auch andere Sprachen und Dialekte des Westbalkans, sagt sie, außerdem spreche sie Englisch und Italienisch. »Seit 2010 arbeite ich als Dolmetscherin im Rahmen der von FRONTEX und dem BFA organisierten Joint Return Operations (JRO).« Sie sei aber nicht im Innenministerium beschäftigt, werde lediglich für JRO gebucht.

Dabei unterstütze sie bei den Kontaktgesprächen, während der gesamten Reise und bei der Übergabe der Rückkehrer an die Behörden der jeweiligen Herkunftsstaaten. »In meinem Fall sind das Albanien, Kosovo, Mazedonien und Serbien.«

Seit 2010 war sie bei knapp 50 Charterabschiebungen dabei. »Meine Aufgabe ist, als Sprachrohr zu dienen«, sagt sie. »Ich versuche das, was in einer Sprache gesagt wird, in einer anderen Sprache möglichst genau wiederzugeben – dabei nichts zu verschönern, ergänzen, verkürzen oder wegzulassen.« Wichtig für sie sei, das Vertrauen aller beteiligten Gesprächspartner zu gewinnen, immer unter Wahrung der Neutralität.
»Die Zusammenarbeit mit dem gesamten Escort-Team verläuft sehr angenehm. Wir kennen uns aufgrund der vielen Einsätze, sind ein gut eingespieltes Team, wie in einem Orchester«, sagt sie. »Jeder kennt seine Aufgaben, und jeder weiß, dass der Andere seine Aufgaben richtig macht.«

»Wie in einem Orchester«, frage ich.

Der »Neue« in diesem »Orchester« sei der sensible und emotionale »Rückkehrer«, der dem ganzen Team vorerst skeptisch gegenüber stehe. »Ist ja selbstverständlich, er kennt uns nicht, ist nicht freiwillig da.« Beim ersten Kontakt, in der Regel beim Kontaktgespräch, müsse es ihr gelingen, das Vertrauen dieses Menschen zu gewinnen, sagt Reinmüller. »Ich muss ihm das Gefühl geben, dass es keinen Grund gibt, meine Neutralität und Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, und dass er alles sagen kann.« Das sei ein Prozess, der binnen Sekunden verlaufe, aber von vielen, kaum wahrnehmbaren Faktoren abhänge, sagt Reinmüller. »Ist das Vertrauen einmal hergestellt, verläuft alles entspannter.«

Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Familien sehen, die abgeschoben werden?

»Es ist besonders traurig, wenn Familien mit Kindern abgeschoben werden, wenn ihre Hoffnung auf ein schöneres und glückliches Leben in Österreich an diesem Abschiebetag verloren geht. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was ihnen alles durch den Kopf geht.« Schön sei aber zu sehen, wenn sich Escorts und Rückkehrer bei der Verabschiedung umarmen. Das habe ich einige Male bei Escorts aus Schweden und England beobachten können.

Nehmen Sie Ihre Gedanken mit nach Hause, frage ich. »So gut wie immer nehme ich die Gedanken mit nach Hause«, sagt sie. »Es dauert mal länger, mal kürzer, bis man das, was man erlebt hat, auch verarbeitet hat.«

Ende des dritten von fünf Teilen. Teil vier folgt morgen.

Von Reinhard Leprich, BMI I/5-Onlineredaktion, 26. Februar 2018

Links:

Auf einer Röntgenstraße wird das Gepäck durchleuchtet.
Foto: ©  BMI/Gerd Pachauer

Artikel Nr: 15647 vom Mittwoch, 7. März 2018, 13:20 Uhr
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