Bundespolizei

Bereitschaftseinheiten sollen die Regeldienstkräfte bei spontanen oder geplanten Schwerpunktaktionen unterstützen.
Bereitschaftseinheiten sollen die Regeldienstkräfte bei
spontanen oder geplanten Schwerpunktaktionen
unterstützen. © Gerd Pachauer

Schnelle Reaktionskräfte

Schnelle Reaktionskräfte unterstützen ab Herbst 2021 in den Bundesländern den Streifendienst der Polizei in Situationen mit erhöhter Gefährdung.

Schnelle Reaktionskräfte (SRK) der Bundespolizei sollen die Regeldienstkräfte, insbesondere die Streifendienstpolizei, unterstützen. „Bei der Einrichtung der ,Schnellen Reaktionskräfte‘ wird ein Zwischensegment zwischen Spezialeinheit und dem sicherheitspolizeilichen Streifendienst geschaffen, wobei letzterer ohnehin ein sehr breites Spektrum abdeckt“, sagt Oberst Ernst Albrecht, Kommandant der Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung (WEGA). Zunehmende Radikalisierung, Entstehung von Hotspots im öffentlichen Raum sowie steigende Gewaltbereitschaft gegenüber der Polizei, um nur ein paar Beispiele zu nennen, erfordern diese Restrukturierung sowie deren permanente Weiterentwicklung.

Die Streifendienstpolizei

Die Streifendienstpolizei ist als tragende Säule zumeist als erste Einheit an Ort und Stelle, wie es etwa beim Terroranschlag am 2. November 2020 in Wien der Fall war. Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit fordert die Polizei immer öfter und stellt einen erheblichen Mehraufwand dar. Wenn eine erhöhte Gewaltbereitschaft bei Einsätzen erwartet wird oder sonstige Gründe vorliegen, die für die polizeilichen Einsatzkräfte ein höheres, unkalkulierbares Risiko darstellen, sollen die „Schnellen Reaktionskräfte“ ab Herbst 2021 österreichweit zur Verfügung stehen.

Schnelle Interventionsgruppen und Bereitschaftseinheit.

Die SRK, sowohl organisatorisch im Einschreiten als auch personell mit bereits bestehenden Strukturen verbunden, werden aus zwei Säulen bestehen: den „Schnellen Interventionsgruppen“ (SIG) und der „Bereitschaftseinheit“ (BE). „Ein Vollstart der Kräfte ist nicht möglich, es ist vielmehr ein sich ständig weiterentwickelnder Prozess“, sagt Chefinspektor Martin Nief von der Abteilung II/8 (Grundsatz und Strategie GD) in der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit.

Kräfte der SIG

Kräfte der SIG sollen ab Herbst 2021 im Rahmen eines funktionellen Streifendienstes bei besonders gefährlichen Einsätzen unterstützen, soweit diese nicht in den Aufgabenbereich der Sondereinheit Einsatzkommando Cobra (EKO Cobra) fallen. Ziel ist es, Regeldienstkräfte bei gefährlichen Einsätzen durch besonders ausgebildete und ausgerüstete Exekutivbedienstete zu entlasten.

Das Aufgabengebiet

Das Aufgabengebiet der SIG umfasst Aspekte, die über streifenpolizeiliche Dienste hinausgehen, wie etwa das gewaltsame Öffnen von Wohnungstüren oder das Ersteinschreiten bei Terrorlagen. Um mit solchen Aspekten zurechtzukommen, findet das Ausbildungskonzept unter Einbindung von EKO Cobra und WEGA statt.
„Wir sehen die SIG als wertvolle Unterstützungskräfte, die bei Bedarf zur Erledigung solcher Aufgaben herangezogen werden können“, sagt Generalmajor Hannes Gulnbrein, Kommandant des EKO Cobra. „Die Einrichtung der neuen Kräfte kann man nur positiv sehen, denn so gibt es in acht Bundesländern direkte Schnittstellen. Ich sehe SIG-Kräfte als Bereicherung, da sie Amtshandlungen mit hohem Gefährdungsgrad oder besondere Lagen für uns professionell einleiten – danach können wir nahtlos übernehmen.“

Die Bereitschaftseinheit

Die Bereitschaftseinheit soll eine rasche Unterstützung bei spontanen wie geplanten Großen bzw. Kleinen Sicherheits- und Ordnungsdienst-Einsätzen (GSOD und KSOD) sowie bei Schwerpunktaktionen im gesamten Bundesland ermöglichen.

Die Ausbildung

Die Ausbildung der „Schnellen Interventionsgruppen“ findet unter Einbindung von EKO Cobra und WEGA statt.
Die Ausbildung der „Schnellen Interventionsgruppen“ findet unter
Einbindung von EKO Cobra und WEGA statt. ©WEGA

Die Ausbildung für SIG-Kräfte wird insgesamt sechs Wochen in Anspruch nehmen, wobei diese an die Grundausbildung bei der Polizei anknüpft. BE-Kräfte werden während ihrer Verwendung bei der jeweiligen BE im Ordnungsdienst zusätzlich eine Aus- und Fortbildung erhalten. Exekutivbedienstete haben nach Absolvierung ihrer Grundausbildung mindestens neun Monate auf einer Polizeiinspektion ihren Dienst zu versehen. Danach können sie je nach Bedarf der jeweiligen Landespolizeidirektion (LPD) für sechs bis zwölf Monate in der BE verwendet werden. Die Entscheidung, welche Exekutivbediensteten in die BE gelangen, trifft die jeweilige LPD vor Ende der Grundausbildung. Als SIG-Kräfte sind eher Exekutivbedienstete vorgesehen, die langjährige Erfahrungen im polizeilichen Dienst mitbringen.
Das Motto von Oberst Albrecht lautet: „Je besser die Ausbildung, desto mehr Gelassenheit. Man kann polizeiliches Einschreiten mit dem Gang-Schalten beim Autofahren vergleichen: Die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Gängen zu wechseln und nicht nur den ersten und den letzten Gang zu kennen, ermöglicht ein lageangepasstes und zielorientiertes Einschreiten. Außerdem sind wir als Polizisten nicht zur Selbstverwirklichung, sondern in erster Linie für andere da. Das muss einem bei diesem Beruf klar sein.“

Trainerpool.

Für die Ausbildung der SIG ist ein Trainerpool vorgesehen. Das Programm besteht aus Sequenzen mit EKO Cobra, WEGA und des Bundeseinsatztrainings, wobei einerseits auf einen Ausbildungskern und andererseits auf Spezialisierungen im Hinblick auf Schießleistung wie körperliches, koordinatives sowie taktisches Handlungsvermögen abgezielt wird. „Die Ausbildung dient allerdings nicht dazu, ‚Helden‘ heranzuzüchten, sondern aufzuzeigen, wie besonders aufgeheizte Situationen auch im Sinne einer Deeskalation entschärft werden können“, betont Oberst Albrecht.

Zum Vergleich:

Die Ausbildung für die Dienstverrichtung beim EKO Cobra dauert sechs Monate, bei der WEGA neun Monate. Im knappen Zeitrahmen von sechs Wochen soll für die SIG zwar eine vertiefende Vorbereitung auf besonders gefährliche Situationen erfolgen, jedoch ist die Ausbildung keineswegs vergleichbar mit jenen der EKO Cobra und WEGA.
„Bei der WEGA folgt der prinzipiellen Ausbildungsdauer von sechs Monaten eine dreimonatige ,Rookie-Zeit’, in der das angelernte Wissen in die Praxis umgesetzt werden kann, um bestmögliche Leistung zu erzielen. Bei der Ausbildungsdauer von sechs Wochen bei den SIG stehen eher Stabilisierungs- und Vorbereitungshandlungen im Vordergrund, damit diese bei Notwendigkeit in speziellen Lagen professionell gehandhabt werden können. Dabei ist die richtige Einschätzung diverser Situationen unerlässlich“, führt WEGA-Kommandant Albrecht aus.
Zusätzlich wird es für SIG-Einsätze eine entsprechende Ausrüstung geben. Die Grundausstattung eines jeden Bediensteten ist mit persönlich zugewiesenen Waffen und ballistischen Schutzgegenständen vorgesehen, wobei dies in engem Zusammenhang mit der Ausbildung steht: Wichtig ist dabei zu lernen, wie mit den Waffen bzw. Schutzgegenständen umgegangen werden soll.

Leistung und Qualität.

„Schnelle Interventionsgruppen“ sollen mit zusätzlichen Waffen und ballistischer Schutzausrüstung ausgestattet werden.
„Schnelle Interventionsgruppen“ sollen mit zusätzlichen Waffen und
ballistischer Schutzausrüstung ausgestattet werden.
© Gerd Pachauer

Amtshandlungen können komplex und vielschichtig sein. Um sie bewältigen zu können sind SIG-Kräfte mit Dienst­erfahrung und Deeskalationsfähigkeit erforderlich. Aus diesem Grund sind jährliche Leistungstests bei SIG-Beamtinnen und -Beamten verpflichtend. Abgesehen davon sind Qualitätszirkel vorgesehen, die zu Beginn häufiger zusammenkommen werden, um laufende Prozesse zu evaluieren.

Teilnehmer des Qualitätszirkels

Teilnehmer des Qualitätszirkels sind Vertreter der Abteilungen II/2 (Einsatzangelegenheiten) und II/1 (Organisation, Dienstbetrieb und Analyse) der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit sowie des EKO Cobra, der WEGA und zusätzlich mindestens zwei Vertreter von jeder Landespolizeidirektion. Dabei werden regelmäßig Management-, wie Kern- und Unterstützungsprozesse überprüft.
„Das Qualitätsmanagement ist besonders wichtig: Einsätze werden überprüft, etwa ob Ausbildungsinhalte oder Ausrüstungsgegenstände ergänzt oder verbessert werden sollten“, erläutert Generalmajor Gulnbrein. Nach der Anfangsphase ist eine jährliche Zusammenkunft vorgesehen. So kann auch eine etwaige Verselbständigung innerhalb der neuen Kräfte ausgeschlossen werden.

Die größte Herausforderung

Die größte Herausforderung aus der Sicht des WEGA-Kommandanten Albrecht besteht in einer reflektierten Entscheidung während besonders anspruchsvoller Situationen – was kann man tun, was nicht. „Die Polizei ist nur dann stark, wenn jede und jeder im eigenen Handlungsbereich professionell agiert und diese Handlungen entsprechend an Situationslagen anpassen kann. Aufgabentreue, Selbstreflexion und Qualität sind wesentliche Komponenten eines guten Exekutivbediensteten. Trial-by-Failure ist bei der Polizei nicht möglich.“

Die Interessentensuche

Die Interessentensuche ist bereits im Gange, danach erfolgen Auswahlverfahren unter Federführung des BMI-Referates II/2/b (Sondereinsatzangelegenheiten) in Kooperation mit dem EKO Cobra, der WEGA und dem Psychologischen Dienst des Innenministeriums. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Schießleistung, Gewandtheits- und Taktikparcours und psychologischer Eignungsdiagnostik.

Nicole Felicitas Antal


Öffentliche Sicherheit, Ausgabe 9-10/2021

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